Skriptum zur Vorlesung "Pflanzenbestimmen"
Die Angiospermenblüte
Das Perianth
Oft kann die Blütenhülle in einen Kelch (Kalix) und eine
Blütenkrone (Corolla) unterteilt werden. Man spricht dann
von einer doppelten Blütenhülle. Die Kelchblätter werden als
Sepalen, die Kronblätter als Petalen bezeichnet. Besteht die
Blütenhülle aus nur einem Kreis von Blütenhüllblättern
(entweder Kelch oder Krone) oder sind Kelch und Krone
gleichgestaltet, so bezeichnet man sie als einfache
Blütenhülle (Perigon), die Perigonblätter als Tepalen.
Sind Kelch- und Kronblätter gleichartig, so bezeichnet man
die Blütenhülle als homoiochlamydeisch. Unterscheiden sich
Kelch und Krone, so nennt man die Blütenhülle
heterochlamydeisch. Der Kelch ist dabei meist unauffällig,
aus kleinen, grünen Kelchblättern und schützt die noch
unreifen Fortpflanzungsorgane vor Blütenbesuchern und vor
Austrocknung. Befindet sich außerhalb des Kelches ein
weiterer Kreis kelchähnlicher Hochblätter, so bezeichnet man diesen
als Außenkelch (z.B. bei der Familie
Rosaceae).
Die Krone übernimmt bei Insektenblumen die Anlockung der
Bestäuber durch Farbe und Form.
Bei der Familie der
Ranunculaceae sind die Kronblätter oft
kelchartig und unscheinbar, die Funktion der Krone wird durch
Honigblätter übernommen. Diese sind kronblattartig,
leiten sich jedoch von Staubblättern ab. Am Grund des Nektarblattes
(Abb. 3) findet sich eine Nektardrüse.

Das Androeceum
Das Gynoeceum
Als Gynoeceum bezeichnet man die Gesamtheit aller
Fruchtblätter (Karpelle). Während bei ursprünglichen
Angiospermen alle Fruchtblätter frei sind (Ranunculaceae,
Magnoliaceae, Nymphaceae), sind die Fruchtblätter bei
abgeleiteten Formen zu einem Fruchtknoten (Abb. 6)
verwachsen. Er enthält die Samenanlagen mit der Eizelle
(Abb. 9).
Stellung des Fruchtknotens
Je nach der Stellung des Fruchtknotens bezüglich der übrigen
Blütenorgane unterscheidet man einen oberständigen,
mittelständigen und unterständigen Fruchtknoten (Abb. 7).
Gemäß der Stellung der übrigen Blütenorgane spricht man auch von Hypogynie, Perigynie und Epigynie.

Bei einem oberständigen Fruchtknoten setzen die übrigen
Blütenorgane unterhalb des Fruchtknotens an, bei einem
mittelständigen Fruchtknoten setzen sie am Rand einer mehr oder weniger konkaven Blütenachse an. Bei einem unterständigen Fruchtknoten ist der Fruchtknoten in
die Blütenachse eingesenkt und mit dieser verwachsen. Die
übrigen Blütenorgane setzen auf dem Fruchtknoten an.
Typen des Gynoeceums
Das ursprüngliche Gynoeceum besteht aus einzelnen, nicht
miteinander verwachsenen Fruchtblättern (Apokarpie,
Chorikarpie). Apokarpie findet sich beispielsweise bei
Ranunculaceae,
Rosaceae,
Nymphaceae oder Berberidaceae.
Mit fortschreitender phylogenetischer Entwicklung kommt es
zur postgenitalen Verwachsung der Fruchtblätter, der
Fruchtknoten bleibt durch Scheidewände (Septen) in Fächer
eingeteilt (Synkarpie). Beispiele finden sich bei
Geraniaceae,
Apiaceae,
Onagraceae,
Solanaceae oder
Scrophulariaceae.
Noch weiter abgeleitet ist Parakarpie. Die Fruchtblätter
sind verwachsen, der Fruchtknoten ist aber nicht durch
Septen unterteilt. Parakarp sind z.B. Violaceae,
Brassicaceae, Primulaceae und
Papaveraceae. (Abb. 8).

Die Samenanlage
Als Samenanlagen (Abb. 9) bezeichnet man die von einer Hülle
umgebenen Megasporangien der Samenpflanzen. Sie bestehen aus
einer Stielzone (Funiculus), einem festen Gewebekern
(Nucellus), einer Basalregion (Chalaza) und 1 oder 2 Hüllen
(Integumente).

Je nach Form der Samenanlage unterscheidet
man atrope, campylotrope und anatrope Samenanlagen (Abb.
10).

Senkrecht stehende Samenanlagen bezeichnet man als atrop.
Sie sind relativ selten und finden sich z.B. bei
Polygonaceae. Am weitesten verbreitet ist die anatrope
Samenanlage, die bei den meisten Angiospermen zu finden ist.
Bei ihr ist die Mikropyle dem Funiculus zugekehrt.
Querliegende Samenanlagen bezeichnet man als campylotrop.
Campylotrope Samenanlagen finden sich z.B. bei
Caryophyllaceae oder Brassicaceae.
Plazentation der Samenanlagen
Man unterscheidet verschiedene Anordnungen (Plazentation)
der Samenanlagen in den unterschiedlichen Gynoeceum-Typen.
Abbildung 11 zeigt die angenommene phylogenetische Reihe.

Abb. 11
Ausgehend vom apokarpen (chorikarpen) Gynoeceum mit zuerst
laminaler Plazentation (11a) über die chorikarp marginale
Plazentation (11b) kommt es zur Verwachsung der
Fruchtblätter und zur synkarp-zentralwinkelständigen
Plazentation (11c). Hier verzweigt sich die Entwicklung
einmal über die parakarp-laminale (11e) zur
parakarp-parietalen (11f) Plazentation, zum anderen zur
lysikarpen oder parakarp-zentralen Plazentation (11d).
Stellung und Anzahl der Blütenglieder
Urtümliche Samenpflanzen (Polycarpicae, s.u.) weisen
vielfach noch eine schraubige Stellung der Blütenglieder
auf, während fortschrittlichere Blüten durch eine wirtelige
(cyclische) Stellung der Blütenorgane charakterisiert sind.
Ursprünglichere Vertreter bilden radiäre Blüten (Abb. 12a)
mit fünf Kreisen von Blütenorganen auf: Kelch, Krone, zwei
alternierende Staubblattkreise und einen Kreis von
Fruchtblättern. Sie werden entsprechend als pentacyclische
Blüten bezeichnet. Beispiele finden sich bei Papaveraceae.
Bei abgeleiteten Formen kann ein Kreis von Blütenorganen (z.
B. ein Staubblattkreis) fehlen. Man spricht dann von
tetracyclischen Blüten. Vertreter finden sich bei Lamiaceae,
Scrophulariaceae, Boraginaceae, Solanaceae etc. Mit fortschreitender Enwicklung kommt es außerdem zunehmend zu
Verwachsungen der Blütenorganen (Sympetalie), sowie zur
Tendenz zu zygomorphen Blüten (Abb. 12b).
Eingeschlechtliche Formen weisen schließlich zum Teil nur
noch einen oder zwei Kreise von Blütenorganen auf. Die
Blütenhülle kann völlig fehlen (Apetalae) oder auf einen
Kreis reduziert sein.
Schließlich lassen sich auch hinsichtlich der
Blütensymmetrie Entwicklungstendenzen unterscheiden. Man
unterscheidet assymmetrische Blüten (bei spiraliger
Stellung), radiärsymmetrische Blüten (radiär, Abb. 12a),
bilateralsymmetrische mit zwei Symmetrieebenen und
zygomorphe (dorsiventrale) Blüten mit nur einer
Symmetrieebene (Abb. 12b).
Neben der Anzahl der Kreise der Blütenorgane ist auch noch
die Anzahl der Blütenglieder pro Kreis interessant. Man
unterscheidet tri-, tetra- und pentamere Wirtel. Liliaceae
und Juncaceae weisen fast ausschließlich trimere Vertreter
auf, überwiegend tetramere Familien sind Rubiaceae,
Brassicaceae und Onagraceae, während z.B. die Rosaceae,
Violaceae und Caryophyllaceae meist pentamere Blüten bilden.
Pseudanthien und Cyathien
Als Pseudanthien bezeichnet man Scheinblüten, die aus der
Zusammenfassung mehrerer Einzelblüten entstehen (Abb. 14).
Pseudanthien finden sich zum Beispiel bei Apiaceae,
Asteraceae, Campanulaceae oder Dipsacaceae.

Eine Sonderform des Pseudanthiums stellt das Cyathium der
Euphorbiaceae (Abb. 15) dar. Es gleicht einer Einzelblüte
und besteht aus einer Vielzahl auf je ein Staubblatt
reduzierter männlicher Blüten und einer ebenfalls völlig
perianthlosen weiblichen Gipfelblüte. Die Scheinblüte wird
perianthartig von fünf Hochblättern umschlossen, zwischen
denen Nektardrüsen sitzen:

Geschlechtsverteilung bei Blüten
Zuerst kann zwischen zwittrigen Blüten (synözisch) mit
weiblichen und männlichen Blütenorganen und
eingeschlechtlichen Blüten unterschieden werden. Synözische
Formen sind ursprünglich. Beispiele für Synözie sind Solanum
spec., Anemona spec., Trifolium spec. ...
Finden sich bei eingeschlechtlichen Blüten beide
Geschlechter auf einem Individuum, so bezeichnet man die
Pflanze als einhäusig oder monözisch (z.B. Pinus spec.,
Picea, Corylus), sind männliche und weibliche Blüten auf
getrennten Individuen, bezeichnet man die Art als diözisch
oder zweihäusig (z.B. Ginkgo biloba, Salix spec., Taxus
baccata)
Das Blütendiagramm
Die Darstellung des Baus einer Blüte erfolgt zweckmäßig
durch ein Blütendiagramm (Abb. 16) Dabei werden die
Blütenorgane schematisch als Querschnitt dargestellt. Die
Kronblätter werden meist schwarz, fehlende oder reduzierte
Blütenglieder gestrichelt dargestellt. Die Sproßachse wird
durch einen Punkt markiert.

Die Blütenformel
Eine weitere Möglichkeit zur einfachen Charakterisierung
einer Blüte stellt die Blütenformel dar. Anstelle eines
Blütendiagramms werden die einzelnen Kreise der Blütenorgane
durch Buchstaben abgekürzt. Die Anzahl wird jeweils als
Index angegeben. Verwachsungen werden durch verschiedene
Klammerebenen angezeigt. Ein Symbol zeigt spiralige, radiäre
oder zygomorphe Blüten an. Entwicklungstendenzen innerhalb
des Taxons (z.B. innerhalb einer Familie) werden durch
Pfeile angegeben.
Die Blütenformel ermöglicht es, sehr schnell und einfach die
Blütenverhältnisse eines Taxons anzugeben und dabei
gleichzeitig auch Entwicklungstendenzen sichtbar zu machen.

In Tabelle 1 sind die verwendeten Symbole erklärt und
Abb. 17 gibt ein Beispiele für eine Blütenformel:

Blütenstände
Die Zusammenfassung einzelner Blüten wird als Blütenstand
(Infloreszenz) bezeichnet. Mit der Bildung von Blütenständen
geht meist eine Verkleinerung der Einzelblüten einher.
Erfolgt dabei gleichzeitig eine Vergrößerung der Randblüten (z.B. Viburnum opulus), so kommt es zur Bildung von
Pseudanthien.
Eine Gliederung der Blütenstände kann nach verschiedenen
Gesichtspunkten erfolgen. Die wichtigste Unterscheidung
betrifft die Verzweigung der Achsen. Als monopodiale
Verzweigung oder racemöse Inflorescenz bezeichnet man, wenn
das Wachstum der Seitentriebe gegenüber der Mutterachse
zurückbleibt (Abb 18a).

Übergipfeln die Seitentriebe die
Mutterachse, die im Wachstum zurückbleibt, dann spricht man
von einer sympodialen Verzweigung oder einem zymösen
Blütenstand (Abb. 18b). Schließen dabei alle Achsen der
Infloreszenz mit Terminalblüten ab, so bezeichnet man den
Blütenstand als geschloßen. Fehlen terminale Blüten, handelt
es sich um eine offene Infloreszenz.

Bestäubungsarten
Die ursprüngliche Form der Bestäubung ist die Windblütigkeit
(Anemophilie) oder Windbestäubung der Gymnospernen. Die Übertragung des Pollens erfolgt dabei durch Wind. Daraus ergeben sich
hinsichtlich des Blütenbaus einige Konsequenzen:
Windbestäubte Blüten besitzen meist nur ein einfaches
Perianth ohne Lock- und Reizmittel. Staubblätter sind in
Vielzahl vorhanden (viel Pollen), die Staubbeutel sind dem
Wind ausgesetzt, die Narben sind groß und freiliegend. Die
Ausbildung der eingeschlechtlichen Blüten erfolgt vor dem
Laubaustrieb. Primär windblütige Pflanzen finden sich nur bei den Gymnospermen.
Fortschrittlichere Formen der Angiospermen zeichnen sich durch Tierbestäubung aus. In Mitteleuropa dominieren
insbesondere insektenbestäubte (zoophile,) Arten.
Insektenblumen zeichnen sich durch große, farbige
Schaublüten mit Lock- und Reizmitteln aus. Der Pollen ist
klebrig (Pollenkitt) und besitzt Haken. Als Lockmittel dient
Pollen oder Nektar, der von Nektradrüsen (Nektarien)
abgeschieden wird. Nektarien, Staubblätter und Narbe sind so
angeordnet, daß beim Blütenbesuch eine Berührung mit dem
Insekt zustande kommt. Die Blüten sind fast immer zwittrig.
Beispiele finden sich bei fast allen einheimischen Familien,
z.B. Ranunculaceae, Lamiaceae, Violaceae, Rosaceae ...
Noch höher entwickelte Angiospermen zeichnen sich
schließlich wieder durch eine sekundäre Windblütigkeit aus.
Solche extrem abgeleiteten Formen finden sich z.B. bei den
Poaceen.
Verhinderung von Selbstbefruchtung
Die wesentliche Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung liegt
in der Rekombination der Erbanlagen verschiedener
Individuen, die die Voraussetzung für Anpassung und
Evolution darstellt. Insbesondere bei Zwittrigen Blüten
stellt sich der Pflanze hier das Problem, eine potentielle
Selbstbefruchtung zu vermeiden.
Eine einfache Möglichkeit, Selbstbefruchtung zu verhindern,
bietet die Diöcie. Dabei treten geschlechtsverschiedene
Individuen auf.
Eine weiter Möglichkeit ist die homogenetische
Inkompatibilität. Dabei wird bei monözischen und synözischen
Arten ein verschmelzen von Gametenkernen mit den selben
Inkompatibilitätsgenen. So können z.B. nur Pollenschläuche
gebildet werden, wenn Pollenkorn und Eizelle
unterschiedliche Inkompatibilitätsallele besitzen.
In einigen Fällen wird diese Selbstinkompatibiltät durch
Heterostylie unterstützt. Bei heterostylen Arten finden sich
verschiedene Griffellängen und damit gekoppelte
unterschiedliche Staubblattpositionen, wobei die Bestäubung
stets nur zwischen Individuen mit unterschiedlicher
Konfiguration möglich ist (Abb. 19).

Bei der Herkogamie wird die räumliche Trennung der
männlichen und weiblichen Blütenorgane verstärkt, so daß
eine Selbsbestäubung schwieriger gemacht wird.
Eine weitere Möglichkeit zur Verhinderung von
Selbstbefruchtung liegt in der zeitlich verschiedenen
Reifung von Staubblättern und Narben. Eine solche
unterschiedliche Reifung bezeichnet man als Dichogamie. Man
unterscheidet ein vorzeitiges Reifen der Staubblätter
(Proteroandrie) und eine vorzeitige Narbenreifung
(Proterogynie).
Selbstbefruchtung und Selbstbestäubung
Trotz der im Laufe der Evolution entstandenen Mechanismen
zur Verhinderung von Selbstbestäubung und Selbstbefruchtung
finden sich vereinzelt Arten, bei denen einen
Selbstbestäubung und Selbstbefruchtung nicht nur möglich,
sondern in einigen Fällen auch obligat sind. Es handelt sich
dabei stets um abgeleitete Vertreter der Angiospermen. Diese
Autogamie ermöglicht die Fortpflanzung und Befruchtung von
Einzelindividuen. Deshalb finden sich derartige Mechanismen
insbesondere bei Pionierpflanzen aber auch bei Unkräutern
und Inselfloren, bei denen häufig auf weite Strecken nur
wenige Individuen vorkommen.
Thomas Wagner 1996-08-08